In Frankreich haben die Autoren gleiche Ansichten von der Natur der Beschäl­krankheit aufgestellt, wie in Deutschland und Oesterreich. Auch die in der fran­zösischen Literatur bis in die neuere Zeit benutzten Krankheitsnamen (Maladie du coit — Maladie ve'he'rienne du cheval — Maladie paralytique des reproducteurs) ent­sprachen genau den deutschen Bezeichnungen. Neuerdings ist in die französische Literatur der Ausdruck „Dourine" zur Bezeichnung der Krankheit eingeführt. Das .Wort ist in der arabischen Sprache nach der Versicherung des GeneralDaumas (1855) zur Bezeichnung der Krankheit gebräuchlich und bedeutet eigentlich nichts mehr, als eine unsaubere Begattung. Trotzdem muss ich die in Frankreich bewirkte Aenderung der bisherigen Nomenclatur als zweckmässig anerkennen. Denn die Krankheiten der Hausthiere und namentlich die mit gesetzlichen Schutzmassregeln bekämpften Seuchen werden nicht blos von Fachmännern, sondern auch in den Kreisen gebildeter Laien besprochen. Letztere äussern oft ihr Missfallen darüber, dass die moderne Wissen­schaft die Beseitigung anstössiger Krankheitsnamen nicht vermocht hat. Dies war auch das Motiv für die Neubildung des Wortes „Dourine", dessen sprachlicher Inhalt den Laien unbekannt ist. Wenngleich die Pathologie nur ein rein äusseres Interesse an diesem Gegenstande hat, so kann ich doch den Wunsch nicht unterdrücken, dass das Wort etwa in der Sehreibweise „Durine" auch in die deutsche Nomenclatur über­gehen möge.

St. Cyr (La dourine. Annal. de Dermatologie et Syphilis. 1878. Ref. von Bollinger in Virchow-Hirsch's Jahresb.) hat sich in einer längeren literarisch kritischen Studie dahin ausgesprochen, dass sich die Krankheit ausschliesslich auf dem "Wege der Ansteckung durch den Begattungsact verbreite. Er bezieht sich hierbei auch auf die Thatsache, dass die Seuche 1851 und 1860 in Prankreich nur dadurch zum Ausbruch gekommen sei, dass bei beiden Gelegenheiten ein mit derselben be­hafteter Zuchthengst aus Syrien importirt war.

Laguerrief e (De la Syphilis equine. Gaz. hebdomad. 1883. Ref. in Ellen-berger-Schütz, Jahresber. 1884. S. 40) hat eine ausführliche Abhandlung über die Beschälkrankheit publicirt, in welcher die gesammte ältere Literatur berücksichtigt ist. Derselbe gelangt auf Grund seiner Studien in Uebereinstimmung mit Trasbot u; A. zu dem Schlüsse, dass die Krankheit der Syphilis gleich sei.

Von 1875 bis Ende 1881 hatte von Thanho ff er (Ueber Zuchtlähme. Budapest. 1882) in den ungarischen Gestüten Gelegenheit, die Krankheit zu studiren und an 33 Pferden die Section auszuführen. Durch die pathologisch-histologischen Unter­suchungen desselben ist die Kenntniss der am Rückenmark eintretenden Veränderungen vervollständigt worden. Dagegen hat sich die gesammte Pathogenese hierbei auch nicht näher aufklären lassen.


Aetiologie und Pathogenese.

Nach den übereinstimmenden Beobachtungen in Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Frankreich wird die Beschäl­krankheit nur durch Ansteckung bei der Begattung eines kranken mit einem gesunden Pferde verursacht. Demnach ist die Eruption der Seuche bei Wallachen und bei allen männlichen und weiblichen Pferden, welche zur Begattung nicht zugelassen werden, ausgeschlossen. Die Angaben einzelner älterer Schriftsteller, dass durch die Berührung junger Fohlen mit beschälkranken Stuten eine Ansteckung herbeigeführt sei, sind aner­wiesen. Dagegen haben Hausmann, Pfannenschmidt und Hertwig durch Bestreichen der Vagina mit dem Dejecte kranker Thiere einige Pferde künstlich inficirt. —■ Unter der Wirksamkeit der neueren Seuchen­gesetze ist die allgemeine Verbreitung der Krankheit, wie sie früher in Preussen und besonders in Oesterreich und Ungarn vorgekommen ist, kaum noch möglich. Denn das Contagium ist im eigentlichen Sinne des Wortes fixer Natur und wenn die kranken Pferde von der Begattung aus­geschlossen werden, so fehlt es an jeder Gelegenheit zur Infection. Im Uebrigen unterliegen der Ansteckung die Stuten mehr als die Hengste, weil ein beschälkranker Zuchthengst leicht für viele Stuten benutzt werden kann, während das Contagium von der kranken Stute stets nur auf einen oder einzelne Hengste übergeht. Nicht alle Pferde, welche zur Begattung mit einem beschälkranken Pferde gelangen, werden mit dem Contagium behaftet. Doch soll im Ganzen nach den Ermitte­lungen von Roll, die sich auf eine grosse Zahl von Krankheitsfällen beziehen, nur ein Dritttheil . der Stuten, welche von einem kranken Hengste gedeckt wurden, gesund bleiben.

Das organische Substrat des Oontagiums ist ganz unbekannt und von der Pathogenese der Krankheit lässt sich in Ermangelung einer aus­reichenden Feststellung der Thatsachen eine vollständige Beschreibung nicht entwerfen. Ausser Zweifel steht, dass das Contagium bei der Be­gattung von der kranken Stute auf die innere Haut des Präputiums oder auf den Penis resp. auf die Eichel und in die Harnröhre gelangt, wäh­rend bei Stuten der Ansteckungsstoff von dem kranken Hengste in die Scheide gebracht wird. Durch die specifische Reizung des Oontagiums entstehen in den Geschlechtsorganen oberflächliche Entzündungsprocesse entweder herdweise oder in diffuser Verbreitung. Die oft beschriebene Bildung von Bläschen und Geschwüren kommt bei Hengsten am Penis, am Schlauche und am Hodensack, aber im Ganzen nur selten vor. In der Scheide der inficirten Stuten fand Rodlo ff Bläschen und Geschwüre niemals. Auch Maresch hat eigentliche Bläschen nicht gesehen, wohl aber kleine Wulstungen und Geschwüre. Derselbe fügt aber hinzu, dass die ulcerösen Herde auch bei Stuten selten seien. Häufig kommen da­gegen entzündliche Schwellungen der Scham bei Stuten und des Präputiums bei Hengsten zur Ausbildung. Oft ist beobachtet worden, dass sich die entzündliche Reizung in den Geschlechtstheilen bis auf einen unmerklichen Grad zurückbildet und später bei fortschreitender Allge-meinaffection wieder augenfällig hervortritt. Die Scheide wird zuweilen enger in Folge der chronischen Vaginitis. Auch bilden sich kleine hellere Flecke in der Schleimhaut. Ebenso wird bei den Hengsten am Penis die Haut fleckweise blasser („Krötenflecke" nach Rodloff). Stärkere Reizungsprocesse in der Scheidenschleimhaut veranlassen die Abscheidung eines grauweissen, zuweilen auch mehr dunkel gefärbten, schleimigen Secretes.

Das Contagium wird aus den localen Erkrankungsherden der Ge-schlechtstheile resorbirt. Ueber die Zeitverhältnisse, unter welchen die Resorption sich vollzieht, ist nichts bekannt. Da die secundären Stö­rungen in den nervösen Apparaten zuweilen einige Wochen, oft aber erst mehrere Monate nach der Infection sich hervorthun, so ist anzunehmen, dass der Ansteckungsstoff eine verschieden lange Zeit in den äusseren Geschlechtstheilen zurückbehalten werden kann. Unaufgeklärt ist ferner die Art und Weise, in welcher der Ansteckungsstoff mit dem Blute in entfernte Organe fortgeführt wird. Bei Hengsten dringt das Contagium zuweilen in die Substanz der Hoden, in welchen kleine Entzündungs­herde entstehen, die später der Regression verfallen. In dem Bindegewebe der Nebenhoden und der Samenstränge entwickeln sich" in Folge der Blutstauung gelbsulzige Infiltrationen. — Eine specifische Wirkung hat der Ansteckungsstoff auf das Rückenmark und wahrscheinlich auch auf viele gangliöse Apparate des sympathischen Nervensystems. Neuer­dings wurde durch von Thanhoffer auf Grund histologischer Unter­suchungen gefolgert, dass die vasomotorischen Apparate in verschiedenen Körperregionen tangirt werden, wodurch die herdweisen Oedeme der Haut (Thalerflecke) bedingt sein sollen. Nach den Untersuchungen von Thanhoffer's treten die Veränderungen am Rückenmark einmal in der Form der Myelitis hämorrhagica centralis und ein anderes Mal in der Form der Syringomyelitis auf. Aeltere Beobachter (Hertwig, Rodloff) haben übereinstimmend angegeben, dass eine abnorm grosse Menge von Flüssigkeit zwischen der Dura und Pia spinalis sich befände. Auch Ruthe fand bei der Section einer nach 4 Monaten eingegangenen Stute die Anhäufung einer abnorm grossen Quantität von Serum zwischen den Rückenmarkshäuten. Demnach muss mit dem entzündlichen Pro-cesse am Marke ein Congestivzustand in der Pia mater verbunden sein, welcher durch Steigerung des Blutdruckes die Transsudation von Serum verursacht. — Die krankhaften Veränderungen am Rückenmark bilden den Grund für die Lähmung des Hintertheils, welche schon von Warneke in Zelle (1820), demnächst auch von allen anderen Autoren als das bedeutendste Merkmal der Krankheit angesehen worden ist. — Zuweilen entstehen Blutanhäufungen und in Folge derselben sulzige Infiltrationen an einzelnen Stellen der Bauchorgane, namentlich des Darmkanals. Ruthe fand in einem Falle zahlreiche runde Entzündungsherde in der Darmschleimhaut. Er vergleicht dieselben mit den Thalerflecken der Haut. Wie mir scheint, handelt es sich in dem einen, wie in dem, anderen Falle um Capillar-Embolien durch das Contagium oder durch Stoffe, an welchen das specifische pathogene Ferment haftet. Dafür spricht die runde Form der Herde, welche offenbar den Verbreitungs­bezirk des verlegten Gefässes bezeichnet. — Im Verlaufe der Beschäl­krankheit wird ferner eine katarrhalische Affection der Respirations­schleimhaut beobachtet. Indess lässt sich nicht klarstellen, wodurch der Katarrh veranlasst wird. — Constant erkranken die Lymphdrüsen, soweit sie mit den entzündlichen Localaffectionen in anatomischer Verbindung stehen. Sie vergrössern sich durch Infiltration zu derben Geschwülsten, in welchen sich kleine, erbsen- bis wallnussgrosse Herde bilden, die der regressiven Metamorphose verfallen und durch Dissection von dem ge-.sunden Gewebe scharf abgegrenzt werden.

Symptome. A. Bei Hengsten. Hyperästhesie der Harnröhre; Drang zum Uriniren; gesteigerter Geschlechtstrieb; Schwellung des Penis, der zeitweise aus dem Schlauch ein wenig hervorhängt; Röthung und leichte Schwellung am unteren Ende der Urethra. Im weiteren Verlauf ist auch der Hodensack und in einzelnen Fällen die Nachbarschaft ödematös ge­schwollen. Am Penis, der später dauernd aus dem Schlauch hervor­hängt, entsteht eine dicke ringförmige Schwellung, welche die Eichel in der Form eines stumpfen Kegels umfasst. Rodloff fand am Penis öfter rothe Flecke, selten Bläschen und Geschwüre.